14 Mai 2018,
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„Magdeburg trägt Kippa“ – unter diesem Thema hatten sich nach spontaner, sehr kurzfristiger Einladung etwa 100 bis 150 Magdeburgerinnen und Magdeburger am Mittwoch, dem 26. April, am Synagogenmahnmal (Julius-Bremer-Str./ Platz an der Alten Synagoge) eingefunden, die wie in Erfurt oder Berlin an diesem Tag ein Zeichen der Solidarität und Verbundenheit mit jüdischen Bürgerinnen und Bürgern setzen wollten. Diese sind immer wieder  – wie kürzlich in Berlin – gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt, wenn sie durch das Tragen einer Kippa als Juden erkennbar sind. Darüber hinaus ging es aber auch darum, gegen jegliche Intoleranz, gegen Rassismus und gegen Fremdenfeindlichkeit „Farbe zu bekennen“. Nach zwei Redebeiträgen der früheren evangelischen Ausländerbeauftragten, Pfarrerin i.R. Gabriele Herbst, und des früheren Landtagsvizepräsidenten und Vorsitzenden der Magdeburger Arbeitsgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Herrn Gerhard Miesterfeldt, ging die Versammlung zu dem zukünftigen Standort einer neuen Synagoge für Magdeburg (Julius-Bremer-Str. 3), wo das schon dreimal durch antisemitische Angriffe zerstörte und nun zum 4. Mal neu hergestellte Banner steht: „Otto braucht eine Synagoge“. Im 80. Jahr nach den Novemberpogromen 1938, in dem es endlich voran geht mit den Vorbereitungen zu diesem Neubau, zeigte der Gang dorthin, dass „Magdeburg trägt Kippa“ auch bedeutet, Magdeburg werde die zukünftige Synagoge als ein für die ganze Stadt, nicht nur für die jüdische Gemeinschaft wesentliches Gebäude ansehen.

 

Hier die Worte von Pfarrerin i.R. Gabriele Herbst:

 

Sehr geehrte, liebe Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Magdeburg, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

heute Morgen bin ich gebeten worden, hier an diesem Ort, an dem einst die im 19. Jahrhundert erbaute Synagoge für die Juden Magdeburgs stand, etwas darüber zu sagen, warum ich mich an der Veranstaltung „MAGDEBURG TRÄGT KIPPA“ beteilige.

Als ich von der Veranstaltung gestern erfuhr, hatte ich mich sofort entschlossen, hierhin zu gehen. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, mich vor und hinter und neben Menschen zu stellen, die in unserem Land wieder  und immer noch und immer wieder unter Antisemitismus und Rassismus zu leiden haben. Es verletzt mein ganzes Wertegefühl als Christin und Theologin, wenn Menschen unter uns angespuckt, mit Gürteln geschlagen, im Internet brutal verleugnet, niedergeprügelt, gemoppt, zu Tode geschlagen oder verspottet werden.DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR und  DU SOLLST DEINEN NÄCHSTEN LIEBEN WIE DICH SELBST, diese beiden Sätze aus der Verfassung der Bundesrepublik Deutschlands und der Bibel in ihrem hebräischen und christlichen Teil sind mein ethisches Fundament, auf dem ich fest und entschieden zu stehen versuche und mich zu handeln bemühe. Es gelingt mit nicht immer. Manchmal kommen Angst oder Wut dazwischen, aber ich bemühe mich.

Wir stehen heute zusammen mit Menschen aus Erfurt und Köln und Berlin auf der Straße, tragen Kippa oder andere Kopfbedeckungen und tragen vor allem eine tiefe Solidarität für die jüdischen Mitbürger in unserem Land in unseren Herzen.

Sie haben sich nach dem zweiten Weltkrieg mit neuem, oft zaghaften Vertrauen gegenüber den Deutschen in Deutschland wieder beheimatet. Sie haben erfahren, dass viele der nach dem Krieg Geborenen Deutschen das Leid ihrer jüdischen Eltern und Großeltern, nicht fassen konnten und sich um die Aufarbeitung des Holocaust und um die Überwindung von Antisemitismus und Rassismus bemühten.

Sie haben es gewürdigt, dass viele von uns Deutschen für das Leid der 6 Millionen ermordeten Juden eigentlich gar keine Worte haben. Dass wir nur tiefste Scham darüber empfinden und im Namen unserer Vorfahren um Verzeihung bitten, wenn solches Leid überhaupt jemals verziehen werden kann.

Ich komme aus einer Pfarrersfamilie, in der schon immer die Aufarbeitung der Nazivergangenheit ein Thema gewesen ist. Mein Vater stammte aus Breslau, dem heutigen Wroclaw, in dem es vor dem 2. Weltkrieg eine blühende jüdische Gemeinde gab, die nach dem Krieg eigentlich nur noch eine Marginalie war. Mein Vater hatte als Student viele jüdische Freunde , hat diese geschätzt und geachtet bis sie irgendwann verschwanden. Er hat den Antisemitismus gehasst, aber er war wohl selbst nicht stark genug, sich dem aktiven Widerstand gegen die Judenverfolgung anzuschließen.

Aber er hat uns Kinder später immer wieder gewarnt, dass wir den braunen Schoß, aus dem das alles kroch, sehen und bekämpfen.

Wir lernten, auch die Mitschuld der Christinnen und Christen am Holocaust zu begreifen, wenn von den Juden die Rede war, die Jesus gekreuzigt haben – ohne zu betonen, das Jesus ja selbst ein Jude war, und dass das Todesurteil vom römischen Besatzer ausgegangen war.

 

Liebe Freundinnen und Freunde, ich begreife es nicht, warum wir bei allem Kampf gegen den braunen Schoß, und bei allem Bemühen, das Unfaßbare zu begreifen und uns ein NIE WIEDER auf die Stirn zu schreiben – heute wieder dort sind, wo Haß auf Farbige und Moslems, Andersdenkende und Anderslebende und eben auch auf jüdische Geschwister Ausmaße annimmt, die ich niemals mehr für möglich gehalten hätte.

Was ist in unser Gesellschaft falsch gelaufen ?

Was geht in einem Menschen vor, der einen jungen Israeli in Berlin mit dem Gürtel schlägt, weil dieser sich durch die Kippa als Jude outet? Was geht in Menschen vor , die wegen einer Plakataktion der DAK, auf der ein junger Afrikaner mit einer deutschen Frau als Liebespaar dargestellt sind, dieses Plakat beschmieren, es als Rassenschande bezeichnen und den jungen Mann und seine schwangere Frau gewalttätig bedrohen? Warum werde junge muslimische, kopftuchtragende Frauen auf unseren Straßen immer wieder beleidigt oder bespuckt? Warum wurde ich in den Neunziger Jahren in meiner Kirche von jungen Rechten mit „Christenschwein verrecke „ beleidigt ?

 

Wir wollen heute Solidarität mit euch jüdischen Geschwistern zeigen. Wir wollen euch sagen :  auf uns könnt ihr euch verlassen – und wir wollen uns auch konsequent für den Bau eurer neuen Synagoge einsetzen.

Aber  darüber hinaus müssen  wir uns alle die Frage nach dem WARUM des neu entstandenen HASSES in unserer Gesellschaft fragen. Warum wird alles Fremde so brutal abgewehrt. Warum zerreißt es Kindern nicht das Herz, wenn sie jüdische oder andersgläubige Mitschüler quälen. Warum fühlen wir  manchmal selbst in uns so viele Ressentiments. Gehen neuen Rattenfängern auf den Leim ?

Wir brauchen Solidarität, aber wir brauchen vor allem auch mehr Wissen über den anderen, die andere. Wir brauchen ein neues Training für unser Herz, das hart zu werden droht, weil zu viele Informationen auf uns einstürmen, zu viele Schreckensbilder zu verarbeiten sind. Wir brauchen eine neue Vision der Gesellschaft, auf die hin wir uns gemeinsam gern zubewegen wollen und die es ohne Empathie, ohne Zivilcourage, ohne Bescheidenheit und mehr soziale Gerechtigkeit nicht geben wird.

Und die Religiösen unter uns brauchen mehr Gespräch und Kenntnis voneinander. Wir wissen das ja alle aus dem nach wie vor hochaktuellen Stück Lessings „Nathan der Weise“. Es ist so sinnlos, und so gegen Gott selbst , eine Religion gegen die andere auszuspielen. Der wahre Ring, sagt Lessing, zeigt seine Leuchtkraft in der Liebe und der Solidarität füreinander. Ja, so ist es. Dafür stehen wir heute auf der Straße:  heute mit einer Kippa. Aus Solidarität zu unseren jüdischen Geschwistern.

 

Zum Schluss möchte ich einen Vers aus der hebräischen Bibel, aus Psalm 57 lesen: mein Vater hat diesen Vers in seiner kleinen immer benutzten Lederbibel angestrichen, er muss ihm wichtig gewesen sein:

Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig, denn auf dich traut meine Seele und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis dass das Unglück vorübergehe.

 

Magdeburg, 5. Mai 2018                     Waltraut Zachhuber, Vorstandsvorsitzende