9 Mai 2019,
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Da denke ich an die Synagogengemeinde, mit der ich verbunden bin. Mir stehen Bilder vor Augen, wie die öffentliche Entzündung des ersten Chanukkalichtes im Hundertwasserhaushof durch Rabbiner Shlomo Satz oder der Chanukkaball, bei dem  die Entstehungsgeschichte des Festes  von Kindern und Jugendlichen gesungen, getanzt und erzählt wurde, erfrischend und lebendig. Ich sehe Bilder von der Einweihung eines neuen Friedhofes vor mir mit einer großen Gemeinde, die betend das Areal des Friedhofes siebenmal umkreist.  Ich denke an die Frauengruppe „Golda“, die sich auch für die 1000jährige Geschichte der Magdeburger Juden interessiert. Ich höre den Gemeindechor mit seinen Liedern. Und mir steht der Redakteur des deutsch-russischen Gemeindeblattes „Schalom“ vor Augen, der immer auf  Jagd nach interessanten Themen für sein Heft ist. Er berichtet über das Gemeindeleben, auch über Lebensschicksale von Gemeindegliedern – zum Beispiel von denen der Gruppe Holocaustüberlebender, die sich zusammen gefunden hat.

Das jüdische Leben in unserer Gemeinde wächst und gedeiht, sagt Wadim Laiter, Vorstands-vorsitzender der Magdeburger Synagogengemeinde. Gern erzählt er, was in den letzten Jahren geworden ist.  Denn der Gemeindeaufbau ist eine der wichtigsten Aufgaben des Vorstandes, neben vielem anderen, wie der Pflege des alten Israelitischen Friedhofs von 1816 und der Anlage des neuen oder den Planungen zum Neubau einer neuen Synagoge.

Fast alle Gemeindeglieder sind als so genannte „Kontingentflüchtlinge“ ins Land gekommen. Ehe sie ein jüdisches Leben gestalten und entfalten konnten, mussten sie die Sprache lernen, sich auf die ganz anderen Verhältnisse einstellen, beruflich Fuß fassen, und manche lernten auch erst hier, was es bedeutet, jüdisch zu leben.  Das Gemeindehaus platzte  bald aus allen Nähten, so dass auch schon bald die Frage nach neuen größeren Räumen auftauchte.  Zeitweise zählte die Synagogengemeinde 800 Mitglieder, heute sind es 450.

Wer in das Gemeindezentrum kommt, spürt, dass  es für viele Gemeindeglieder so eine Art zweites Zuhause ist. Man kann russisch sprechen. Man tauscht sich aus und gibt sich Hilfen für das Leben in der neuen Heimat.  Man lernt und übt Deutsch und man kocht und backt und feiert zusammen. An jedem Freitag und Samstag gibt es gut besuchte Gottesdienste. Und der Rabbiner gibt Religionsunterricht, nicht nur für Kinder und Jugendliche,  sondern auch für Ältere.

Im Gemeindezentrum sind auf großen Tafeln Fotos von Bar-Mizwa-Feiern und dem Purimball sehen, Bilder von Gemeindefahrten und von gemeinsamen Veranstaltungen mit den Nachbargemeinden in Halle und Dessau. Auch in der Öffentlichkeit wirkt die Synagogengemeinde mit, so bei den seit 2007 von der Landeshauptstadt verantworteten  „Tagen der jüdischen Kultur und Geschichte Magdeburgs“. Gern informiert sie   Schüler- und Erwachsenengruppen über das jüdische Leben. Und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit einem Wolmirstedter Gymnasium hat sich über die Jahr entwickelt.

Zwei Aufgaben hat die Gemeinde sozusagen „geerbt“:  Den Kontakt zu den weltweit verstreuten Angehörigen früherer Magdeburger Juden, die nach Gräbern fragen und nach Informationen zu ihren Vorfahren.  Und die Mitwirkung bei dem Gedenken an die Magdeburger jüdischen Opfer  bei den Veranstaltungen am 9. November und am 27. Januar. Auch bei Verlegungen von Stolpersteinen sind Gemeindeglieder oft beteiligt.

Im Jahr 2019 geht es an die weitere Planung des Synagogenbaues. Wenn der fertig ist, wohl 2022, soll er, will die Gemeinde, nicht nur ihr religiöser Ort sein, offen für alle Juden, sondern auch ein Ort für gute Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden und damit gut wirksam gegen jeden Antisemitismus.

Ihre Waltraut Zachhuber

https://www.meine-kirchenzeitung.de/c-aktuell/wirksam-gegen-antisemitismus_a9013

/Mitteldeutsche Kirchenzeitung „GLAUBE + HEÌMAT“ Ausgabe Nr. 4 (2019)/