22 August 2018,
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„Ich wurde als Kindermörder beschimpft“: Wächst der Judenhass in Halle?

1. Tragen Sie in der Öffentlichkeit, außerhalb der Synagoge oder von jüdischen Feiertagen, eine Kippa?

Nein. Es gibt keine (religiöse oder auch aus anderen Gründen) Verpflichtung für einen jüdischen Mann eine Kippa zu tragen. Man trägt Kippa oder andere Kopfbedeckung in der Synagoge, auf dem jüdischen Friedhof oder während eines Gebets unabhängig von dem Raum. Die streng religiösen Juden tragen Kopfbedeckung ständig da sie sehr oft beten und demzufolge sehr oft Kopfbedeckung benötigen.

 

2. Wenn nein, warum nicht?

S. Antwort 1. Ich trage allerdings immer Kippa oder andere Kopfbedeckung – auch in der Öffentlichkeit –wenn ich einen religiösen Menschen begleite

Wenn ja, wie sind die Reaktionen der Öffentlichkeit darauf?

Ich habe bis jetzt keine Reaktionen gemerkt. Allerdings (s. oben) trage ich Kippa selten

 

3. Tragen die Mitglieder Ihrer Gemeinde jüdische Symbole (Kippa, Davidstern o. ä.) in der Öffentlichkeit?

Wir haben einige Mitglieder, die ständig Kopfbedeckung tragen. Sie vermeiden allerdings das Kippa-Tragen. In Israel dagegen tragen sie eine Kippa.

 

4. Sind Sie oder die Mitglieder Ihrer Gemeinde schon einmal persönlich Opfer von antisemitischen Anfeindungen geworden?

Ja. Sowohl ich als auch einige andere Mitglieder. Ich stand einmal draußen neben dem Synagogengrundstück an geöffneter Tür und wurde von einem vorbeifahrenden Auto als „Kindermörder“ beschimpft. Ich hatte eine Kippa.

 

5. Ich vermute, dass die Jüdische Gemeinde bereits des öfteren mit Antisemitismus konfrontiert wurde. Ist das so? In welcher Form? Können Sie ein Beispiel nennen?

Es ist so. Allerdings der Begriff „des Öfteren“ kann man unterschiedlich auslegen. Neben dem bereits früher benannten Fall mit Beschimpfungen und versuchten tätlichen Angriff auf ein jüdisches Kind in Kippa am Platz Am Steintor gab es auch andere Beispiele. Z. B., als ein junger Mann in einer Bar an der Theke mit einer jungen Verkäuferin gesprochen und wegen des Akzents sich erkundigt hat, aus welchem Land sie ist. Als sie antwortete – aus der Ukraine, wunderte er sich, dass in der Ukraine keine Spätaussiedler gibt. Die Frau sagte, dass sie keine Spätaussiedlerin, sondern eine Jüdin ist und dass es ein Zuwanderungsprogramm für Juden aus GUS gibt. Der junge Mann hat ohne ein einziges Wort mehr zu sagen seine Kaffeetasse aufgestellt und das Lokal verlassen

 

6. Haben antisemitische Anfeindungen nach Ihrer Erfahrung in Halle zugenommen? Wenn ja, warum nach Ihrer Meinung?

Ich kenne nur die offizielle Statistik. Man kann viel mehr sagen, dass die Qualität anders geworden ist: sich offen als Antisemit zu zeigen ist nicht mehr „peinlich“. Die „berechtigte“ Kritik des Staates Israel wurde zum sicheren Alibi sich von den Vorwürfen rein zu waschen. Ich sehe hier Verbindung zu der Tatsache, dass die Generation der Holocaust Überlebenden aber auch der Täter immer weniger vertreten ist. Die Nachkommen verbinden sich immer weniger mit den schrecklichen Ereignissen vor 75 bis 85 Jahren. Sie wissen, dass sie kein Schuld tragen. Dass sie – ohne Schuld zu tragen – jedoch die enorme historische Verantwortung tragen, verstehen nur weniger. Nach meiner Meinung ist es die Quelle sowohl für den rechten (mit Verschwörungstheorien etc.) als auch für den linken Antisemitismus. Noch eine Quelle des relativ neuen Antisemitismus in Halle / Deutschland ist die Zuwanderung aus Staaten, wo Antisemitismus ein wesentliches Teil der Kindererziehung seit mehreren Jahrzenten ist.

 

7. Sind Angriffe, auch verbal natürlich, eher gegen Juden im Allgemeinen oder gegen Israel im besonderen gerichtet? Oder vermischt sich das?

Eigentlich habe ich auf diese Frage bereits teilweise beantwortet. Israel wird – nicht nur in Deutschland – besonders oft dämonisiert, verurteilt und mit doppelten Standards gemessen. Es gibt sehr wenige Staaten für die in deutscher Sprache spezielles Wort gibt „XXX-Hass“. Hat man etwas über Frankreichhass, Kolumbienhass oder Namibiahass gehört? Das Wort Israelhass – sehr wohl. Man kann nicht sagen, dass der gegenwärtige Antisemitismus nur aus dem Israelhass besteht, aber Israelhass spielt sehr große Rolle. Die andere Ausrichtung ist nie verschwundene und in letzten Jahren, zumindest wie ich es sehe, wieder steigende Vorliebe zu Verschwörungstheorien. Egal ob in Bezug auf die Terroranschläge vom 11.09. oder auf die Sanktionen gegen Russland, man hört, z. B., bei Montagsdemos, Stimmen die in diese Richtung gehen.

 

8. Glauben Sie, dass in vielen Deutschen immer noch ein latenter Antisemitismus vorhanden ist?

Ja. Es ist allerdings nicht nur ein deutsches Problem.

 

9. Worauf führen Sie antisemitische Tendenzen zurück, unabhängig von der Nahost-Problematik? Welche Rolle spielen heute die christlichen Kirchen diesbezüglich?

Es ist eine sehr komplizierte und wichtige Frage. Die christlichen Kirchen lieferten innerhalb von hunderten Jahren die theologische Begründung und manchmal auch logistische Unterstützung für Judenverfolgung. Ein offenes Bekenntnis in Gegenwart bleibt jedoch ganz selten. Deswegen ist für uns die Position der christlichen TOS-Gemeinde wirklich so wichtig.

Auch jetzt ist die Position einigen Kirchen für mich kaum nachvollziehbar. Die Unterstützung der antisemitischen BDS-Bewegung ist ein Beispiel. Oder auch Kritik an israelischen Sicherheitsvorkehrungen in der Altstadt Jerusalems: hier haben Kirchenvertreter wahrscheinlich vergessen, dass eben weil Jerusalem eine israelische Stadt ist, können dort alle christlichen Gemeinden sicher existieren. Im Gegenzug zu allen Nachbarländern, einschl. palästinensische Autonomie.

 

10. Bedarf es bei Veranstaltungen Ihrer Gemeinde bzw. bei Veranstaltungen zu jüdischen Themen besonderer Sicherheitsvorkehrungen?

Diese Frage sollte man nicht an uns, sondern an die dafür zuständigen Behörden richten. Wir haben in letzten Jahren auf jeden Fall unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Und werden es wahrscheinlich noch steigen.

 

11. Was muss die Gesellschaft tun, damit sich Antisemitismus nicht weiter ausbreitet? Ganz schwierige Frage: weiß es jemand? Es gibt ein Maßnahmenkatalog. Ob er ausreichend ist?

– Konsequentere Anwendung der existierenden Gesetze: solche Fälle wie Urteile beim Anschlag gegen die Synagoge in Wuppertal oder im Falle der Weigerung zur Beförderung eines israelischen Fluggastes bringen sehr große Unsicherheit und vernichten das Glauben an effektiven Schutz des Staates

– Die islamischen Gemeinden müssen mehr gegen Antisemitismus und insbesondere gegen Israelhass und gegen Terror unternehmen

– Man sollte aufhören den Antisemitismus verbal zu verurteilen und gleichzeitig weiter finanziell – auf Kosten der Steuerzahler – zu unterstützen. Es vernichtet noch mehr das Vertrauen zu Aussagen bzgl. der besonderen Beziehungen zu Israel oder besonderer Verantwortung für die Vergangenheit

– Umfassende pädagogische Arbeit: in Schulen, Integrations- und Sprachkursen für Zuwanderer, in der berufsbildenden und kulturellen Einrichtungen sollte effektive Präventions- und Aufklärungsarbeit geleistet werden